V2A oder V4A? AISI 304 und 316 bei Armaturen erklärt
V2A oder V4A – diese beiden Kürzel stehen in fast jedem Datenblatt, das Edelstahl erwähnt, und fast nie steht dabei, was sie bedeuten. Dahinter stecken zwei Gruppen austenitischer nichtrostender Stähle, die sich in einem Punkt unterscheiden: Molybdän. Das klingt nach Detail, entscheidet aber darüber, wie gut ein Werkstoff Chloride verträgt.
Dieser Artikel ordnet die Kürzel den Werkstoffnummern und den internationalen AISI-Bezeichnungen zu, erklärt den Unterschied ohne Metallurgie-Studium und beantwortet die praktische Frage: Braucht eine Küchenarmatur überhaupt V4A?
Das Wichtigste in Kürze
- V2A entspricht im Kern 1.4301 (X5CrNi18-10) und international AISI 304, V4A entspricht 1.4401 beziehungsweise 1.4404 und AISI 316 oder 316L.
- Der Unterschied ist Molybdän: V4A enthält rund zwei bis zweieinhalb Prozent, V2A keines.
- Molybdän erhöht die Beständigkeit gegen Lochkorrosion durch Chloride – messbar an der Wirksumme PREN, die von etwa 18 auf etwa 26 steigt.
- Für normales Trinkwasser reicht V2A aus: Der Chloridwert der Trinkwasserverordnung liegt bei 250 mg/l, und das Wasser soll ausdrücklich nicht korrosiv wirken.
- Beide Gruppen sind im Lieferzustand praktisch nicht magnetisch – der Magnettest sagt deshalb wenig über die Qualität aus.
Inhaltsverzeichnis
Woher die Namen V2A und V4A kommen
Die Bezeichnungen sind über hundert Jahre alt und stammen aus der Versuchsreihe, in der nichtrostender Stahl entwickelt wurde. Das V steht für Versuch, das A für Austenit – jenes Kristallgefüge, das diese Stähle nichtrostend und zäh macht. Die Ziffer bezeichnet schlicht die Nummer der Schmelze.
Es handelt sich also nicht um Normbezeichnungen, sondern um Sammelbegriffe, die sich im Sprachgebrauch gehalten haben. Verbindlich sind die Werkstoffnummern und die Kurznamen nach EN 10088 – sie gehören ins Datenblatt, „V4A“ allein genügt nicht.
V2A oder V4A: der Unterschied in einer Zeile
Beide Gruppen bestehen im Wesentlichen aus Eisen, rund 17 bis 19 Prozent Chrom und 8 bis 13 Prozent Nickel. Das Chrom bildet an der Luft die Passivschicht, die die Oberfläche abschließt. Der Unterschied liegt im Molybdän.
| Merkmal | V2A (1.4301 / AISI 304) | V4A (1.4401 / AISI 316) |
|---|---|---|
| Chrom | 17,5 – 19,5 % | 16,5 – 18,5 % |
| Nickel | 8,0 – 10,5 % | 10,0 – 13,0 % |
| Molybdän | kein Zusatz | 2,0 – 2,5 % |
| Kohlenstoff | bis 0,07 % | bis 0,045 % |
| Wirksumme PREN (rechnerisch) | rund 18,5 | rund 26,4 |
| Typischer Einsatz | Haushalt, Küche, Innenbereich | Küste, Schwimmbad, Chemie, Streusalz |
Die Wirksumme PREN (Pitting Resistance Equivalent Number) fasst die Beständigkeit gegen Lochkorrosion in einer Zahl zusammen. Sie errechnet sich als PREN = %Cr + 3,3 × %Mo + 16 × %N. Weil Molybdän mit dem Faktor 3,3 eingeht, hebt schon ein Anteil von zwei Prozent den Wert deutlich an.
Was Molybdän tatsächlich bewirkt
Die Passivschicht aus Chromoxid ist nur wenige Nanometer dick und heilt selbstständig nach – aber sie hat einen Gegner: Chloridionen. Sie lagern sich an Schwachstellen an, brechen die Schicht lokal auf und lassen dort punktförmige Vertiefungen entstehen. Das ist Lochkorrosion, und sie ist tückisch, weil sie an der Oberfläche kaum sichtbar bleibt, während sie in die Tiefe geht.
Molybdän stabilisiert die Passivschicht genau gegen diesen Angriff und hilft ihr, sich nach einer Verletzung schneller wieder zu schließen. Deshalb ist V4A der Werkstoff für salzhaltige Luft, chlorhaltiges Wasser, Streusalz und Reinigungsmittel mit hohem Chloridanteil.
Wichtig zum Einordnen
Beide Gruppen rosten unter normalen Bedingungen nicht. V4A ist nicht „besserer“ Edelstahl, sondern Edelstahl für aggressivere Umgebungen. In einer normalen Küche bringt der Aufpreis keinen messbaren Vorteil.
Die Werkstoffnummern hinter den Kürzeln
Unter jedes Kürzel fallen mehrere Sorten. Diese sind die, die bei Armaturen und Sanitärbauteilen tatsächlich vorkommen:
| Gruppe | Werkstoffnummer | Kurzname | AISI | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|
| V2A | 1.4301 | X5CrNi18-10 | 304 | Der Standardwerkstoff, gut umformbar |
| V2A | 1.4307 | X2CrNi18-9 | 304L | Kohlenstoffarm, besser schweißbar |
| V2A | 1.4308 | GX5CrNi19-10 | CF-8 | Gusssorte für gegossene Bauteile |
| V4A | 1.4401 | X5CrNiMo17-12-2 | 316 | Mit Molybdän, chloridbeständiger |
| V4A | 1.4404 | X2CrNiMo17-12-2 | 316L | Kohlenstoffarm, die übliche Wahl bei Schweißkonstruktionen |
| V4A | 1.4571 | X6CrNiMoTi17-12-2 | 316Ti | Mit Titan stabilisiert, für höhere Temperaturen |
| V4A | 1.4408 | GX5CrNiMo19-11-2 | CF-8M | Gusssorte mit Molybdän |
Was das „L“ bedeutet
Das L steht für „low carbon“. Kohlenstoffarme Sorten wie 1.4307 und 1.4404 enthalten weniger als 0,03 Prozent Kohlenstoff. Der Grund ist das Schweißen: Bei höherem Kohlenstoffgehalt können sich im Bereich der Schweißnaht Chromkarbide bilden, die dem umgebenden Gefüge Chrom entziehen. Dort ist die Passivschicht dann geschwächt – man spricht von interkristalliner Korrosion. Weniger Kohlenstoff, weniger Karbide, weniger Risiko.
Für eine Armatur aus Rohr und Fräsbauteilen ist das relevant, sobald geschweißt wird – und das ist bei einem massiven Edelstahlauslauf die Regel.
Braucht eine Küchenarmatur V4A?
In aller Regel nicht. Trinkwasser in Deutschland ist kein aggressives Medium: Die Trinkwasserverordnung nennt für Chlorid einen Wert von 250 mg/l und stellt ausdrücklich fest, dass Trinkwasser nicht korrosiv wirken soll. Reale Versorgungswässer liegen meist deutlich darunter. Für V2A ist das unkritisch.
Es gibt aber Situationen, in denen sich V4A lohnt:
- Küstennähe. Salzhaltige Luft greift die Oberfläche von außen an, unabhängig vom Wasser im Inneren.
- Schwimmbad, Sauna, Wellnessbereich. Chlorhaltige Luft ist für V2A auf Dauer belastend.
- Gewerbliche Küchen. Häufige Reinigung mit chloridhaltigen Mitteln, dazu Salz und Säuren aus Lebensmitteln.
- Enthärtungs- oder Osmoseanlagen. Je nach Verfahren kann der Chloridgehalt im Wasser steigen.
Für den normalen Haushalt ist die wichtigere Frage nicht V2A oder V4A, sondern ob überhaupt massiver Edelstahl verbaut ist oder nur eine Edelstahl-Optik auf Messing. Dazu der Artikel Massiver Edelstahl oder nur Edelstahl-Optik?.
Ist Edelstahl magnetisch?
Austenitische Stähle sind im weichgeglühten Lieferzustand praktisch unmagnetisch – der Magnet hält nicht. Durch Kaltverformung, also Biegen, Ziehen oder Tiefziehen, kann sich ein Teil des Gefüges umwandeln; solche Bereiche werden dann leicht magnetisch. Ein Auslaufrohr, das aus einem Rohr gebogen wurde, kann also durchaus schwach anziehen, ohne dass etwas mit dem Werkstoff nicht stimmt.
Umgekehrt gilt: Ferritische und martensitische nichtrostende Stähle sind magnetisch und trotzdem nichtrostend. Der Magnettest taugt deshalb weder als Qualitätsnachweis noch zur Unterscheidung von V2A und V4A. Belastbar ist nur die Werkstoffangabe.
Was im Datenblatt stehen sollte
- Die Werkstoffnummer, nicht nur das Kürzel: „1.4301″ statt „V2A“, „1.4404″ statt „V4A“.
- Die Angabe pro Bauteil. Gehäuse, Auslauf und Anschlussstücke können aus unterschiedlichen Sorten bestehen.
- Die Oberfläche. Gebürstet, geschliffen oder poliert – und ob es sich um die bearbeitete Oberfläche des Grundwerkstoffs handelt.
- Der Hinweis auf die Trinkwassereignung. Nichtrostende Stähle sind im Passivzustand für alle Produktgruppen A bis D der UBA-Metall-Bewertungsgrundlage zugelassen; ein Verweis darauf zeigt, dass der Hersteller die Anforderung kennt.
Wie sich Edelstahl gegen die anderen Werkstoffe schlägt, steht im Überblick zu Armaturen-Werkstoffen; der direkte Vergleich mit Messing im Artikel Edelstahl oder Messing.
Häufige Fragen
Was ist besser, V2A oder V4A?
Weder noch – es kommt auf die Umgebung an. V4A verträgt Chloride deutlich besser und ist die Wahl an der Küste, im Schwimmbad oder in der Chemie. Für Trinkwasser und eine normale Küche ist V2A ausreichend, und der Aufpreis für V4A bringt dort keinen messbaren Vorteil.
Welche Werkstoffnummer hat V2A, welche V4A?
V2A steht vor allem für 1.4301 (X5CrNi18-10, AISI 304) und die kohlenstoffarme Variante 1.4307 (304L). V4A steht für 1.4401 (X5CrNiMo17-12-2, AISI 316), 1.4404 (316L) und 1.4571 (316Ti).
Ist AISI 316 dasselbe wie 1.4401?
Im Wesentlichen ja. AISI 316 ist die amerikanische Bezeichnung, 1.4401 die europäische Werkstoffnummer. Die Analysebereiche der beiden Normen decken sich weitgehend, sind aber nicht bis auf die Nachkommastelle identisch. 316L entspricht 1.4404.
Kann V2A rosten?
Der Werkstoff selbst nicht, solange die Passivschicht intakt ist. Rostbraune Punkte auf einer Edelstahloberfläche sind meist Flugrost – Eisenpartikel von außen, etwa von Werkzeugen, Stahlwolle oder aus der Leitung. Sie lassen sich abwischen und greifen den Stahl nicht an.
Hilft der Magnettest, V2A von V4A zu unterscheiden?
Nein. Beide sind austenitisch und im Lieferzustand praktisch unmagnetisch; beide können nach Kaltverformung leicht magnetisch werden. Unterscheiden lassen sich die Sorten nur über die Werkstoffangabe oder eine Analyse.
Quellen
- DIN EN 10088: Nichtrostende Stähle – Werkstoffnummern, Kurznamen und chemische Zusammensetzung
- Werkstoffvergleich 1.4301, 1.4401, 1.4539 und 1.4462 mit PREN-Werten
- Anlage 3 der Trinkwasserverordnung: Indikatorparameter, Chlorid 250 mg/l
- Umweltbundesamt: Bewertungsgrundlage für metallene Werkstoffe im Kontakt mit Trinkwasser
Stand: September 2026 · Autor: Manfred Hardt, die-edelstahl-armatur.com