Ist Edelstahl magnetisch? Warum der Magnettest wenig aussagt

Ist Edelstahl magnetisch? Die ehrliche Antwort lautet: manchmal. Es gibt nichtrostende Stähle, an denen jeder Magnet hängen bleibt, und solche, an denen er abrutscht – und beide sind gleichermaßen nichtrostend. Der Magnettest, der im Baumarkt und in Online-Foren gern als Qualitätsprobe empfohlen wird, prüft deshalb etwas anderes, als die meisten glauben.

Dieser Artikel erklärt, warum das so ist, was Kaltverformung und Schweißnähte damit zu tun haben und was der Magnet an einer Armatur tatsächlich verrät.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ob Edelstahl magnetisch ist, hängt vom Gefüge ab, nicht von der Qualität.
  • Austenitische Sorten wie 1.4301 (V2A) und 1.4404 (V4A) sind im Idealfall unmagnetisch, im Lieferzustand meist nur sehr schwach magnetisch.
  • Ferritische und martensitische nichtrostende Stähle sind deutlich magnetisch – und trotzdem nichtrostend.
  • Kaltverformung wandelt einen Teil des Austenits in Martensit um; gebogene oder tiefgezogene Bauteile ziehen deshalb leicht an.
  • Der Magnettest unterscheidet weder V2A von V4A noch guten von schlechtem Edelstahl. Verbindlich ist nur die Werkstoffangabe.

Die kurze Antwort

Nichtrostender Stahl ist ein Sammelbegriff für über hundert Legierungen. Sie unterscheiden sich im Kristallgefüge, und genau dieses Gefüge entscheidet über den Magnetismus. Austenitisches Gefüge ist im Idealfall unmagnetisch, ferritisches und martensitisches Gefüge ist ferromagnetisch.

Weil in Küche und Bad überwiegend austenitische Sorten verbaut werden, hält sich die Faustregel „Edelstahl ist nicht magnetisch“. Sie stimmt für diese Sorten näherungsweise – aber sie ist keine Prüfmethode.

Wann ist Edelstahl magnetisch – und wann nicht?

Austenitische Stähle

Austenit ist ein kubisch-flächenzentriertes Gefüge, das durch Nickel stabilisiert wird. Es ist paramagnetisch, also praktisch unmagnetisch. Die Informationsstelle Edelstahl Rostfrei gibt für den Idealfall eine Permeabilität von µ ≤ 1,01 an – ein Wert, bei dem ein Magnet nichts spürt. Im realen Lieferzustand liegen austenitische Stähle allerdings meist bei µ = 1,06 bis 1,63, weil kleine Anteile Ferrit oder Martensit enthalten sind.

Ferritische Stähle

Ferritisches Gefüge ist kubisch-raumzentriert und enthält wenig oder kein Nickel. Es ist eindeutig ferromagnetisch: Für geglühte ferritische Sorten werden Permeabilitätswerte von µmax 1300 bis 2200 genannt. Der bekannteste Vertreter ist 1.4016 (X6Cr17, international AISI 430) – ein nichtrostender Stahl, den jeder Magnet festhält.

Martensitische Stähle

Martensitische Sorten wie 1.4021 (X20Cr13) sind härtbar und werden für Messerklingen und Wellen verwendet. Auch sie sind ferromagnetisch, mit µmax zwischen 1950 und 3180 je nach Wärmebehandlung.

Duplex-Stähle

Duplex-Stähle wie 1.4462 bestehen etwa zur Hälfte aus Austenit und zur Hälfte aus Ferrit. Sie sind entsprechend magnetisch, wenn auch schwächer als reine Ferrite: µmax liegt zwischen 76 und 160.

Gefüge Typische Werkstoffe Magnetisch? Permeabilität
Austenitisch 1.4301, 1.4404, 1.4571 Praktisch nein µ ≤ 1,01 im Idealfall; 1,06 – 1,63 im Lieferzustand
Ferritisch 1.4016 (AISI 430) Ja, deutlich µmax 1300 – 2200
Martensitisch 1.4021 (X20Cr13) Ja, deutlich µmax 1950 – 3180
Duplex 1.4462 Ja, mittel µmax 76 – 160

Warum auch V2A manchmal am Magneten hängt

Kaltverformung

Austenit ist nur bedingt stabil. Wird er kalt umgeformt – gebogen, gezogen, tiefgezogen, gedrückt –, wandelt sich ein Teil davon in Martensit um. Dieser sogenannte verformungsinduzierte Martensit ist ferromagnetisch, und er sitzt genau dort, wo am stärksten umgeformt wurde: an Biegungen, Kanten und Ziehrändern.

Wie stark der Effekt ausfällt, hängt von der Legierung ab. Höhere Nickel- und Molybdängehalte stabilisieren den Austenit, weshalb V4A weniger empfindlich reagiert als V2A. Beim leicht zerspanbaren 1.4305 wurde nach 30 Prozent Kaltverformung eine Permeabilität von bis zu 3,42 gemessen. Auch die Temperatur spielt mit: Bei einer Umformtemperatur von 50 °C entsteht deutlich weniger Martensit als bei 22 °C. Ein Lösungsglühen stellt den unmagnetischen Zustand wieder her.

Praktisch heißt das: Ein gebogenes Auslaufrohr aus 1.4301 kann an der Biegung schwach anziehen, während das gerade Stück daneben nichts tut. Mit der Werkstoffqualität hat das nichts zu tun.

Deltaferrit in Schweißnaht und Guss

Beim Schweißen und beim Gießen entsteht im austenitischen Gefüge bewusst ein kleiner Anteil Deltaferrit. Er verbessert Gießbarkeit und Schweißbarkeit, weil er die Neigung zu Heißrissen verringert – und er ist schwach ferromagnetisch. Deshalb kann eine Schweißnaht an einer sonst unmagnetischen Armatur den Magneten leicht anziehen. Der Ferritanteil wird als Ferrit-Nummer (FN) angegeben.

Ein schwach magnetischer Edelstahl ist kein schlechter Edelstahl

Weder verformungsinduzierter Martensit noch Deltaferrit machen den Werkstoff korrosionsanfällig oder für Trinkwasser ungeeignet. Es sind normale Begleiterscheinungen der Fertigung.

Was der Magnettest an einer Armatur wirklich zeigt

Der Magnet unterscheidet nicht zwischen gut und schlecht, sondern zwischen ferromagnetisch und nicht ferromagnetisch. Für eine Armatur bedeutet das:

Ergebnis Was dahinterstecken kann Aussagekraft
Magnet hält deutlich Verchromter Stahl, ferritischer oder martensitischer Edelstahl Ein Stahlkern spricht gegen eine hochwertige Armatur – mehr sagt der Test nicht
Magnet hält schwach, nur an einer Stelle Austenitischer Edelstahl mit Kaltverformung oder Schweißnaht Völlig normal, kein Mangel
Magnet hält nicht Austenitischer Edelstahl, Messing, Rotguss oder Zinkdruckguss Sagt nichts über den Werkstoff aus – Messing und Zink sind ebenfalls unmagnetisch

Die letzte Zeile ist der Kern des Problems: Eine verchromte Messingarmatur und eine massive Edelstahlarmatur verhalten sich am Magneten gleich. Wer den Test benutzt, um „echten Edelstahl“ zu erkennen, prüft genau das nicht. Wie es besser geht, steht im Artikel Massiver Edelstahl oder nur Edelstahl-Optik?.

Woran Sie den Werkstoff wirklich erkennen

  1. Werkstoffnummer im Datenblatt. „1.4301″ oder „1.4404″ ist eine Angabe, „Edelstahl-Finish“ ist keine.
  2. Angabe pro Bauteil. Gehäuse, Auslauf, Kartusche und Schläuche können aus verschiedenen Materialien bestehen.
  3. Gewicht und Haptik. Massiver Edelstahl ist spürbar schwerer als Zinkdruckguss und klingt beim Anklopfen anders.
  4. Blick auf verdeckte Kanten. Unter einer Chromschicht schimmert Messing gelblich; massiver Edelstahl ist durchgehend grau.
  5. Im Zweifel eine Werkstoffanalyse. Ein mobiles Röntgenfluoreszenz-Gerät bestimmt die Legierung in Sekunden – Labore und Prüfstellen bieten das an.

Den Unterschied zwischen den austenitischen Sorten erklärt der Artikel V2A oder V4A?; den Vergleich aller Armaturen-Werkstoffe finden Sie im Überblick zu Armaturen-Werkstoffen.

Hat Magnetismus Einfluss auf Trinkwasser oder Korrosion?

Nein. Für die Wasserqualität zählt die Passivschicht aus Chromoxid, und die bildet sich unabhängig davon, ob das Gefüge magnetisch ist. Nichtrostende Stähle sind im Passivzustand für alle Produktgruppen A bis D der Metall-Bewertungsgrundlage des Umweltbundesamts zugelassen – ohne Unterscheidung nach magnetischen Eigenschaften.

Anders sieht es bei der Korrosionsbeständigkeit in aggressiver Umgebung aus: Dort zählen Chrom- und Molybdängehalt, nicht der Magnetismus. Ein ferritischer 1.4016 ist magnetisch und gleichzeitig weniger chloridbeständig als ein unmagnetischer 1.4404 – aber der Magnet ist nicht die Ursache, sondern nur ein Nebeneffekt derselben Gefügeunterschiede.

Häufige Fragen

Ist Edelstahl magnetisch oder nicht?

Beides kommt vor. Austenitische Sorten wie 1.4301 und 1.4404 sind praktisch unmagnetisch, ferritische wie 1.4016 und martensitische wie 1.4021 sind deutlich magnetisch. Alle sind nichtrostende Stähle.

Warum zieht mein Edelstahlspülbecken den Magneten an?

Weil es tiefgezogen wurde. Beim Umformen wandelt sich ein Teil des Austenits in Martensit um, der ferromagnetisch ist. An den stark verformten Ecken und Radien ist der Effekt am stärksten. Das ist normal und kein Qualitätsmangel.

Kann ich mit dem Magneten V2A von V4A unterscheiden?

Nein. Beide sind austenitisch und verhalten sich am Magneten sehr ähnlich. Beide können nach Kaltverformung leicht anziehen. Unterscheiden lassen sich die Sorten nur über die Werkstoffangabe oder eine Analyse.

Ist magnetischer Edelstahl minderwertig?

Nein. Ferritische und martensitische nichtrostende Stähle sind für ihre Einsatzgebiete genau richtig – Messerklingen etwa müssen härtbar sein, und das geht nur martensitisch. Entscheidend ist, ob der Werkstoff zur Anwendung passt.

Bedeutet „nicht magnetisch" automatisch Edelstahl?

Nein, und das ist der häufigste Irrtum. Messing, Rotguss, Zinkdruckguss, Aluminium und Kunststoff sind ebenfalls unmagnetisch. Eine verchromte Messingarmatur besteht den Magnettest genauso wie eine massive Edelstahlarmatur.

Quellen

Stand: September 2026 · Autor: Manfred Hardt, die-edelstahl-armatur.com